Kieferknochen für Pfand

Da bin ich schnell dabei: Beim Mittelfinger zeigen, beim Fotze rufen und Omas für einen Lacher verscherbeln. Aber an diesem einen Donnerstag, war ich buddhistisch unterwegs.

Der Parkplatz beim High-End-Edeka ist noch schön leer. Zwei mickrige Autos machen den frühen Vogel. Es ist neun Uhr morgens, die Sonne scheint und ich kann bei offenem Fenster fahren, da mein Leergut im überdimensionalem blauen IKEA-Sack schon sehr nach Brauerei müffelt. Apropos IKEA-Tasche. Die klaut man ja gerne nach einem Köttbullar- Genuss im Anti-SchönerWohnen- MDF-Bunker. Doch wofür? Wirklich für Leergut oder doch um unbeobachtet den Riesendoppeldildo vom Carport ins Haus zu kriegen? Manche Menschen verreisen mit den Teilen oder kann man darin wohnen?

Wir haben 24 dieser Taschen. Sie helfen uns dabei, uns nicht mehr so als Messies zu fühlen. Die olle Lastwagenplane von gestern ist out. Wir lagern alles zwischen, wir sammeln und bunkern. Gerne Klamotten, Dickmänner, Weinflaschen und abgelaufene Coladosen aus Spanien oder Holland, weil wir ja eigentlich Pfand hassen und nur in Länder reisen, in denen es diesen Quatsch nicht gibt. Dort kaufen wir dann palettenweise ein, um über die nächsten Winter zu kommen. Doch eine spontane Diät hält uns auf und der Jo-Jo-Effekt macht alles nur noch schlimmer. Egal, zurück zum Parkplatz des Grauens und die Querverbindung Pfand.

Ich parke nah am Eingang, um schnell mein Leergut in den Laden zu schaffen. Es könnten ja Nachbarn auftauchen, die meine Pullen zählen und in ihren sozialen Medien Schabernack mit diesem Wissen treiben würden. Denn am Leergutautomaten will man niemals bekannte Gesichter treffen. Pfandautomaten sind die Swingerclubs der 2010er Jahre.

Ich lasse meine Fahrertüre offen, da ich nicht nur im Kofferraum den Spaß transportiere, sondern auch auf der Rückbank meines Dreitürers. Gemütlich schlendere ich zum Einkaufswagenschuppen und genieße die warme Luft eines harmlosen Donnerstag morgens. Der Plastikchip gleitet schonungslos in den Schlitz. Ich denke kurz an Möllemann und die gelbe 18 unter seinen Schuhsohlen, da höre ich einen Wagen kommen und schaue kurz auf, um die bucklige Nachbarschaft auszuschließen. Da sehe ich wie ein Depp versucht, genau neben meinem Schlitten einzuparken. Geht aber nicht, meine Fahrertür ist ja geöffnet. Er steigt aus, um sie selbst zu schließen. Ich schiebe seelenruhig den Einkaufswagen zu meiner Karre. Er sieht mich und steigt wieder ein. Ich schließe meine Tür selbst, er parkt ein und quält sich aus seiner Schleuder. „Einen anderen der 125 freien Parkplätze hättest du nicht nehmen können?“ Er kommt rum. Bulliger Typ, dumm mit Kettchen. Ich lasse meinen Einkaufswagen stehen, nicht, dass er ihn noch klaut oder als Waffe gegen mich einsetzt und warte an meiner Fahrerseite auf ein Zeichen der Liebe.

„Hattest du was gesagt?“, grunzt das Tier. „Kann ja keiner ahnen, dass die Edeka- Führungsetage hier
eigene Parkplätze hat.“ Seine Visage zeigt eine Regung, die ich nur mit dem Wort Verblüffung beschreiben kann, obwohl Hannibal Lecter eigentlich nicht zu diesem Gefühl fähig ist. In diesem Moment rollt mein verlassener, leerer Einkaufswagen, wie von Geisterhand geschoben, los, anscheinend, um mir zur Seite zu stehen und scheppert gegen die Asi-Karre des Monsters. Aus Verblüffung wird Tollwut. Ich wünsche mir nun schnellstens meine bucklige Nachbarschaft auf den Parkplatz oder Henry Maske, doch der hat sich leider nicht für Edeka, sondern für Mäckes entschieden.

Der Killer fasst mich an und fragt, ob ich sterben möchte. Ich sage, ja. Er würde mir sogar einen Gefallen tun. „Mein Job ist scheiße, meine Frau spielt nur noch Quizduell und ich habe Schulden.
Hilf mir. Beende dieses mickrige Leben. Mach schnell. Ich werde mich nicht wehren, es heimlich
sogar genießen. Du kannst auch, wenn du mit mir fertig bist, meine Leiche in einer dieser IKEA-Taschen unbemerkt wegschaffen und den Pfandbon des zurückgebrachten Leergutes darfst du auch behalten. Findest du nicht auch, dass der Genitiv in so einer Situation mehr als unnötig klingt?“ Das Biest schüttelt den Kopf. Es ist baff. „Du bist verrückt.“ Er zieht von dannen.

In diesem Moment sterbe ich kurz, doch der Gestank meines Leergutes durch die geschlossenen Fenster belebt mich wieder. Ich streichle kurz die Macke in seinem Auto und schaue gen Himmel, dann packe ich meine Flaschen ein und schiebe den Mist in den Laden. Jetzt will ich eigentlich nur noch wissen, was dieser Gutmensch, mein Retter, mein Robin Hood denn so einkauft um diese Uhrzeit und in Eile. Ist es Bresso? Ich lasse meinen Wagen am Automaten stehen und flitze hinterher. Wo ist er denn? Beim Hundefutter, bei der Blutwurst oder am Redbull-Kühlschrank? Ich entdecke ihn im Intimhygiene-Bereich. Nein, bitte nicht! Mach nicht alles kaputt, Zorro!

Er nimmt sich zwei Pakete Carefree Plus aus dem Regal, taumelt zur Kasse und legt einen Chupa-Chups-Lolly dazu. Ich weine. Der Weltfrieden ist doch noch möglich. Ich möchte ihn berühren, ihn liebkosen, doch mein 15€ Pfandbon wartet.

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