Vorstellungsverfahren

Und dann sitzen sie da. Viereinhalbjährige Menschen. Die Rotze läuft. Draußen ist es fast dunkel. Sie fangen einen Ball. Schön. Achtung, dein Kopf! Sie nennen ihre Namen. Alle heißen gleich. Einige erkennen diesen Umbra-Ton, den Schöner Wohnen gerade im Bauhaus angerührt hat. Wie übersetzt man Kuala Lumpur? Wie macht Lumpi? Ach, Mama nennt Papa immer so, wenn er getrunken hat. Auch gut.

Wir über Vierzigjährigen kategorisieren dann diese kleinen Menschen und sagen Papa-Doof, dass sein Sohnemann jetzt schon mehr drauf hat als er, oder dass Leo eher kein neuer Neymar werden wird. Also Sie müssen schon noch weiter hinter der Wursttheke stehen. Also für immer. Sorry, Sie waren der mit dem Doktortitel? Oh, tut mir leid. Heute habe ich bereits 20 Kinder getestet, da kann man schon mal durcheinander kommen. Dennoch ihre Praxis würde ich jetzt noch nicht verkaufen! Lustig, Ihren Namen kann noch nicht einmal ich aussprechen. Egal. Susi, schick die nächsten zwanzig rein!

Wer hat sich das ausgedacht? Eine PädagogIn in Gin-Laune? Wer braucht eine Akte über Zwerge, wer erhöht den Druck, der alle rasend macht? Klar, alle wollen hören, dass ihre Sprösslinge dieses Land regieren könnten, wenn sie noch ein wenig wachsen und Leitern erklimmen. Doch nicht immer ist es das, was die Viereinhalbjährigen vom Leben wollen. Vielleicht wollen sie spielen, doof sein oder sich doof stellen? In knapp zwei Jahren beginnt der Ernst des Lebens und wir gucken jetzt schon mal in die Kristallkugel und verderben den Kindern und ihren Eltern die schöne Zeit der Unbefangenheit.

Nehmen Sie doch bitte ihrem Kind das iPad weg! Sprachförderung muss her. Zack! Vergiss Ergotherapie und die Sesamstraße! Sing auf englisch deine Gute-Nacht-Liedchen. Prügel Billy zum Ballett und steck Oskar den Kopf in die Tuba. Mein Anlautkreis ist dein Schließmuskel.

Ach, Ihr Kind spricht nicht Mandarin? Oh, dann wird es aber in der Vorschule Schwierigkeiten bekommen. Jochen und Tilda sind da schon viel weiter. Also auf dieser Schule wird das dann wohl nichts. Der Pöbel kommt in die Schule nebenan. Wir winken dann über den Zaun und hänseln die Kinder immerzu, in dem wir sie I-Kinder rufen. I-Dötzchen waren einmal. Ich lach mich scheckig. Jetzt sind es Kinder mit herausforderndem Verhalten oder Ex-Asis. Mein Gott, gab es immer und wird es immer geben. Da hilft kein Ritalin. Mein Kess-Faktor ist geiler als deiner, dafür hast du Flüchtlingen die Barilla-Nudeln aus der Spendentruhe geklaut. Eins zu Eins.

Papa, ich will Soldat werden, dann kann ich Menschen töten, ohne bestraft zu werden. Sprachlich-kognitiv schon sehr sehr weit. Nehmen wir.

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