Liebe von Michael Haneke

Der Verfall setzt schon früh ein. Leider sind die Erdbeeren im Supermarkt alle verschimmelt, vielleicht gibt es morgen ja frischere. Vielleicht aber auch nicht.

Wir sitzen bereits in einer Pariser Altbauwohnung und warten. Sind wir sogar die Einbrecher, auf die nicht genauer eingegangen wird? Wir als stille Beobachter einer Liebe in den letzten Zügen? Wir sind immer schon vorher da. Wir wissen schon von Annes‘ Tod, bevor die Polizei und Feuerwehr die Türe aufbricht.

Haneke lässt uns nur kurz das unbeschwerte Glück in der Rückblende erfahren. Ein Konzertbesuch, eine Straßenbahnfahrt und ein verliebtes Wortgefecht. Beim Konzertbesuch zitiert er sich selbst und bietet uns ein Wimmelbild an, ähnlich wie die Endsequenz in Caché. Unsere Augen müssen die Protagonisten suchen. Sie sind ein Teil von vielen. Von hunderten Einzelschicksalen, von hunderten Geschichten.

Am Frühstückstisch beginnt der Verfall. Zuerst ist nur der Salzstreuer leer. Dann Annes‘ Augen.
Anne und Georges ziehen sich nach dem Schlaganfall in sich zurück. Sie wollen nicht die Sorgen ihrer Tochter übernehmen oder anhören. Sie leben jetzt ihr eigenes Leben. Ihre eigene Liebe. Sie verlassen nicht mehr die Wohnung. Auch wir glauben nur zu wissen, dass wir in Paris sind. Ein Mikrokosmos aus Parkett und Lichtschacht.

Nachbarn kommen und heucheln. Der ehemalige Klavierschüler Annes‘ spielt ein letztes Ständchen. Sogar die eigene Tochter Eva wird dann irgendwann nicht mehr direkt ins Schlafzimmer gelassen. Die Tochter hat nichts mit der Liebe ihrer Eltern zu tun. Sie findet auch keine Worte. Keine Zärtlichkeit. Vielleicht sogar keine Liebe mehr für ihre Mutter.

Anne geht es immer schlechter. Auch Georges schafft es nicht mehr, alleine seine Frau zu pflegen. Ein zweiter Rückschlag lässt Anne nun komplett bettlägerig werden. Wir sehen keine Ärzte, wir hören keine Diagnosen. Wir sehen nur die Veränderungen. die Verschlechterungen. Aus einer Pflegerin werden zwei. Dann gibt es keine mehr. Annes‘ gebrabbelten Hilferufe lassen uns im Kinosessel verschwinden. Ist Anne überhaupt noch anwesend? Das weiß auch Georges nicht mehr eindeutig. Seine Geschichten können Anne zwar beruhigen, doch er weiß nicht, ob Anne sie überhaupt noch aufnehmen kann.

Als Anne sich weigert zu trinken, rutscht Georges die Hand aus. Beide und wir, die an Annes‘ Bett kauern, sind geschockt. Annes‘ Augen zeigen uns, dass sie nicht mehr will. Georges erzählt eine letzte Geschichte. Dann erstickt er sie mit dem Kopfkissen. Ein letzter Gang nach Draußen, um Blumen zu kaufen. Das Zimmer wird von außen abgeklebt. Das Schlafzimmerfenster bleibt aber offen. Nun tritt auch Georges seine Reise an. Denk an deinen Mantel, Georges!

Unsere Blicke schweifen noch einmal durch die Wohnung. Wir sind nach fünfzehn Minuten des Films schon zu Architekten geworden. Wir kennen jeden Winkel, jeden Topf, jedes Kunstwerk und den CD-Player. Am Ende sitzt Tochter Eva auf Georges Platz im Flügel-Zimmer. Sie hat nicht verstanden, was es bedeutet, ein Versprechen abzugeben. Anne war nie wieder in einem Krankenhaus. Georges hatte es ihr doch versprochen.

Liebe kommt ohne dieses Wort aus. Gesichter und Gesten haben uns verdeutlicht, dass man es auch bis zum bitteren Ende schaffen kann. Respekt und Vertrauen sind wichtige Bestandteile des Lebens. Das gibt Hoffnung, obwohl diese sehr schmerzhaft werden wird, wenn es auf das Unausweichliche hinausläuft.

Haneke ist ein Meister. Darius Khondji erschafft Bilder, die uns so nah wie möglich ranlassen und trotzdem eine Distanz halten, die uns dazu berechtigt, eine eigene Meinung zu formulieren. Wir gehören nicht zur Familie. Obwohl der Wunsch besteht, diese wunderbaren Menschen zu seinen zählen zu dürfen. Meisterwerk.



2 Kommentare

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